Über das Radfahren und das Laufen. Im Gespräch mit Wolfgang Treitler.

Hier der Link zum Nachhören

“Spazieren”, gab ich zur Antwort, “muß ich unbedingt, um mich zu beleben und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrechtzuerhalten, ohne deren Empfinden ich keinen halben Buchstaben mehr schreiben und nicht das leiseste Gedicht in Vers oder Prosa mehr hervorbringen könnte. […] Höchst liebevoll muß der, der spaziert, jedes kleinste lebendige Ding, sei es ein Kind, ein Hund, eine Mücke, ein Schmetterling, ein Spatz, ein Wurm, eine Blume, ein Mann, ein Haus, ein Baum, eine Hecke, eine Schnecke, eine Maus, eine Wolke, ein Berg, ein Blatt oder auch nur ein armes weggeworfenes Fetzchen Schreibpapier, auf das vielleicht ein liebes gutes Schulkind seine ersten ungefügten Buchstaben geschrieben hat, studieren und betrachten. Die höchsten und niedrigsten, die ernstesten und lustigsten Dinge sind ihm gleicherweise lieb und schön und wert.” Robert Walser, Der Spaziergang

Die Radfahrleidenschaft hat Wolfgang Treitler gleichzeitig mit der für Theologie erfasst, als er 19 Jahre alt war. Beides hat einander gefördert und mehr eingelöst, als zu erwarten war: Mobilität, die einen Lebensweg gezeichnet hat, der mittlerweile mehr als 19 Erdumrundungen auf dem Rad und die Ahnung radikaler Transzendenz in der Theologie erbracht hat. Begonnen hat alles in einer schönen, aber engen Voralpenmarktgemeinde mit traditioneller Frömmigkeit und bodengebundener Weltanschauung – auch das weit zurückliegende Auslöser für unbekannte, weite Lebenswege. In einem Wort alles zusammengefasst: Exodus. (photo: Stuart Marven)

Miriam Metze läuft, seitdem sie 16 ist. Dass es so gekommen ist, war alles andere als selbstverständlich. Bei ihrem ersten Staffellauf mit 12 ließ sie sich im Rettungswagen verarzten. Diagnose: Seitenstechen. Am meisten schätzt sie die Wurzeln am Weg, die sie davon abhalten, an etwas anderes zu denken, weiters die Begegnung mit Rehen, Schlangen, Käfern, Füchsen, Dachsen und Regenwürmern (die mit Bussarden, Wildschweinen, Zombiehirschen und Zombiehirsche jagenden Jägern dafür eher weniger). Neuerdings liebt sie - zu ihrer eigenen Überraschung und zur Überraschung aller, die sie kennen - das Berglaufen. Schuld sind der einst vielfach verfluchte Gianicolo im römischen Trastevere und eine neu entdeckte Liebe zu Yacht Rock.


Dank an Aaron Kimmig für die Technik und Rebekka für die Idee.

Literaturhinweise:

Mein Kollege Herbert Hrachovec hat mir freundlicherweise einen Text zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Fahrrädern und Traktoren zur Verfügung gestellt. Pflichtlektüre. Hier der Link.

Wer Wolfgang Treitlers Denken näher kennenlernen will, behelfe sich mit: Wolfang Treitler, Vierzig Jahre Theologie - Auszug in die Wüste. Erinnerungen und Reflexionen, Perchtoldsdorf: AchÍnoam 2024.

Ein sehr schönes Band zum Radfahren hat Mairisch aus dem Englischen übersetzt: Jesús Ilundáin-Agurruza/Michael W. Austin/Peter Reichenbach (Hg.): Die Philosophie des Radfahrens. Hamburg: Mairisch 2013.

Das von mir erwähnte Buch von Haruki Murakami heißt: What I Talk About When I Talk About Running. A Memoir, Übers. v. Philip Gabriel, New York: Vintage 2009.

Hinweise zur Merkaba-Mystik finden sich zum Beispiel bei Gershom Scholem, Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen, Berlin: Suhrkamp 1980, S. 47ff.

Wolfgang Treitlers Empfehlung: Niklaus Brantschen, Gottlos beten. Eine spirituelle Wegsuche, Ostfildern: Patmos 2025.

Eine wunderschöne Lobrede auf den Spaziergang und seine Annehmlichkeiten, für alle die, die dem Radfahren und Laufen nichts abgewinnen können, findet sich bei Robert Walser: Der Spaziergang, Sämtliche Werke in Einzelausgaben. Fünfter Band. Zürich/Frankfurt am Main: Suhrkamp 1985, S. 50-51.


Musik:

Felix Mendelssohn ǀ Sings Without Words, Book VI Opus 67: No 2 in F-Sharp Minor ǀ naïve classique ǀ Bertrand Chamayou ǀ 2:00

Maurice, Robbin & Barry Gibb ǀ I Started A Joke ǀ Vertigo Berlin ǀ Element of Crime ǀ 3:52

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