Fahrrad und Traktor

Ein Text von Herbert Hrachovec 

Für Birgit Gabler

Fahrrad und Traktor haben nichts miteinander zu tun. Wirklich? Man setzt sich auf ein Fahrrad. Man setzt sich auf den Traktor. Und damit nicht genug: “Die meisten Fahrer besteigen ihre Räder in den Monaten Juli und August.” “Kinder dürfen auch unter Aufsicht der Eltern die Traktoren besteigen.” Die Sprache gibt einen deutlichen Hinweis. Eine Vorform von Fahrrädern und Traktoren ist das Pferd: zum Reiten und zum Lastentransport. Im einen Fall kommt die Energie vom Menschen, im anderen von der Maschine.

Der erste Schritt zum Losfahren ist eine Leistung. “Um das Rad komfortabel und gelenkschonend zu besteigen, ist ein tiefer Einstieg eine große Hilfe.” Es klingt veraltet und pathetisch, aber “sich in den Sattel zu schwingen” entspricht noch immer der herrschenden Praxis.

Nicht mehr beim Traktor, aber wenn von seinem Vorläufer die Rede ist, klingt das Motiv noch nach. Siehe die Schlagzeile “Polizist schwingt sich auf den Kutschbock und stoppt herrenloses Gespann.” Die Kutsche ist, genau betrachtet, ein verborgenes missing link zwischen der Kunst des Reitens, dem Busverkehr und dem Gütertransport mit Sattelschleppern. Eine Person “hat die Zügel in der Hand” und lenkt das Gefährt. Es war einmal die Karosse für Reisende mit Gepäck, für Staatsbesuche, für die Post. Der Postbus ist an ihre Stelle getreten und, was den Schwerverkehr angeht, die LKWs mit Anhängern.

Der Kutschbock ist die Schaltzentrale. Als Fahrrad wurde er zu einem selbständigen Fortbewegungsmittel weiterentwickelt; im Auto, Autobus und Lastwagen lenkt die Fahrerin vom Steuer aus den Passagier- bzw. Laderaum. Im Traktor wurde aus dem Bock der Führersitz einer Zugmaschine, eine Art Pferdegespann in ständiger Einsatzbereitschaft.

Im Auto agiert die Lenkerin, während Menschen am Fahrrad oder Traktor sitzen. Ein Personenkraftwagen bietet Schutz für die Mitreisenden; wer Fahrrad oder Traktor fährt bleibt unbedeckt. Die open air Fortbewegungsarten eignen sich nicht für wettersicheren Transport.

Die Idee eines “Fahrradtraktors” verbindet das Fortbewegungsmittel mit dem Agrarfahrzeug. Aus liegender Position bewegt die Fahrerin  mit Pedalen ein vierrädriges Konstrukt, das sich mit einer Kurbel steuern lässt. Hackwerkzeuge und ein Aufsatz zur Aussat können zusätzlich montiert werden. Diese einfallsreiche Kombination wird wohl ein Sonderfall bleiben. Im Agrarbetrieb sind Menschen- und Maschinenkraft nur ausnahmsweise pari.

Der Fahrradtraktor ist mehr Wunsch als Maschine, und, was die Wunschmaschinen angeht, regiert eher die Unausgeglichenheit. Die Stärken von Bud Spencer und Terence Hill liegen weit auseinander. Wie die einstmalige Geheimwaffe gegen die Römer, Asterix-und-Obelix, schlagen sie sich mit ihrer gegenpoligen Koalition  aus Wendigkeit und Kraftmeierei durch die Spaghettiwestern. Auch Fahrrad und Traktor sind ein komisches Paar, jedoch mit Hintersinn.

Diese Fahrzeuge sind unverkleidet; leicht zu durchblicken. Ihre Brems- und Lichtleitungen verlaufen an der Oberfläche, die Reifen liegen blank, Pedale, Ketten, Schaltungen sind nicht verkapselt, die Taschen für den Einkauf und Werkzeuge hängen außen am Gestell. Motorräder stecken in einer Rüstung, PKWs erst recht. Fahrräder und Traktoren sind dagegen fahrende Gerüste, durchzogen vom Wind. Ihnen fehlt eine Fassade in Form von Kühlerhauben, Chromaufsätzen und Karosserien, die Sneakers gleichen.

Wohnbauten und Eisenbahnwagons, überhaupt alle Aufenthaltsorte, die Innenräume bieten, lassen sich durch Graffiti verzieren und verschandeln. Autos schmücken sich mit Aufklebern und erschrecken mit ramponierten Kotflügeln. Solche Oberflächen stehen bei Freiluftfahrzeugen nicht zur Verfügung. Man kann nicht in sie einbrechen.

Fahrrad- oder Traktorfahren versetzt die Benutzerinnen in die Landschaft. Statt auszusteigen, steigt man von ihnen ab, es gab keinen Raum um einzutreten. Sie halten sich nicht unbedingt an das Terrain des Straßenverkehrs. Mit Zweirädern lassen sich Fußpfade befahren, für die Landmaschinen ist kein Weg erforderlich. Parken ist für beide kein Problem. Die einen finden immer einen Platz, die anderen kommen gar nicht in die Schwierigkeit. Beide sind Ausnahmeerscheinungen in einer Gesellschaft, für die der  automotiven Indiviualverkehr bestimmend geworden ist. Sie bieten keine Möglichkeit zur schnellen Überquerung von Distanzen mit 100 km/h. Ihr Tempo gleicht eher der Geschwindigkeit eines Ackergauls.

Ein eklatanter Unterschied: Traktoren werden nicht so oft gestohlen. (Immer trifft es die Kleinen.) Auch Fahrradsättel, Vorderräder und angesteckte LED-Leuchten verschwinden. Wandalismus wie eingeschlagene Autoscheiben und Nagelkratzer bleiben den Besitzerinnen dafür glücklicherweise erspart. Sie müssen aber berücksichtigen, dass auch teure Schlösser nicht vor Diebstahl schützen.

Zur Ferienzeit haben Lieferwagen nachts schon einmal den gesamten Bestand von Fahrradräumen abtransportiert. Fahrräder sind mobiles Eigentum. Sie hängen in Altbauwohnungen an kunstvoll konstruierten Vorrichtungen, um nicht im Freien verlorenzugehen. Insgesamt sind sie jedoch ein flüchtiger Besitz. Gibt es einen #MeToo Hashtag gegen Fahrraddiebstahl?

Die folgende tröstliche Geschichte hat sich wirklich zugetragen. Eine Person, die ihr Rad an einem öffentlichen Ständer gesichert hatte, kettete es los, verschloss die Kette und verlor den Schlüssel. Ein Schaden um die 90.- €. Drei Tage später kehrte sie zurück zum Rahmen, an dem das Rad befestigt worden war -- und fand den Schlüssel wieder. Er baumelte, sorgfältig mit Draht befestigt, am Ständer. Es fehlte nur das Etikett “Weiterhin gute Fahrt!”. Diese Alltagsgeschichte passt zur Sprach- und Kulturgeschichte des Pferdes, die hier angetippt ist. Die Bergung des Schlüssels war die Tat eines Kavaliers. Das Wort kommt von lateinisch “caballus” (Pferd) über mittelfranzösisch “cavalier” (Reiter) ins Deutsche. Heute bezeichnet es eine ritterliche Person.