Gandhi versus Buber

Nach dem völkerrechtswidrigen Einmarsch Russlands in die Ukraine vor vier Jahren hat der Gedanke des Pazifismus, sagen wir es einmal so: an Strahlkraft verloren. Die gegenwärtig stattfindende Aufrüstung u. a. in Deutschland kommt dem Eingeständnis gleich, vormals zu blauäugig gewesen zu sein. Mit der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro, dem brutalen Vorgehen durch die amerikanische Einwanderungsbehörde und den jüngsten Drohungen von Donald Trump, das iranische Volk auszulöschen, scheinen die Idee an eine friedliche Welt und jene der gewaltlosen Konfliktlösung endgültig ad acta gelegt.

Vielleicht muss man die momentane Situation aber als Chance begreifen, dieser Frage neuerlich nachzugehen. Gerade weil das Projekt Weltfrieden derzeit keinen guten Lauf hat. Da dieses Unternehmen schon verrucht genug ist, könnte man sich denken, müsste man aber wenigstens die Angelegenheit rund um Israel und Palästina außen vor lassen … wo ja nun, Stand Juli 2026, schon wirklich alles verloren scheint. Doch das Schöne an der Philosophie ist: Sie verfügt über wirkmächtige Instrumente, darunter auch Zeitmaschinen.

Meine nächste (und vielleicht letzte) Sendung verfolgt eine wenig beachtete Debatte, die nie zu Ende geführt wurde. Mahatma Gandhi äußert sich 1938 in einem Artikel zur Situation der Jüdinnen und Juden in Europa und legt ihnen nahe, sich in der Praxis des Satyagraha zu üben. Gewaltlos solle der Widerstand gegen das Nazi-Regime vonstattengehen. Außerdem rät Gandhi dringend davon ab, die Aliyah Bet sowie die Errichtung des Staates Israel voranzutreiben. Denn dort, sagt er, gibt es ja schon ein Volk, nämlich die Palästinenser:innen.

Der Religionsphilosoph Martin Buber, der im März desselben Jahres vor den Nazis nach Palästina geflohen war, antwortet ihm. So wie auch der Pazifist und spätere Präsident der Hebräischen Universität in Jerusalem Juda L. Magnes und weiters Avraham E. Shohet, der jüdisch-indische Freund von Gandhi, der das Ganze ins Rollen gebracht hatte. Gandhi schreibt nicht zurück, warum, weiß man nicht. Aber die Ereignisse überschlagen sich sowieso. Es dauert kein Jahr, da überfällt Hitler Polen, die Alliierten erklären Deutschland den Krieg und zehn Jahre später ruft Ben Gurion die Unabhängigkeit Israels aus. Der Rest ist Geschichte. Aber welche?

Ist es die Geschichte eines tragischerweise notwendig gewordenen Krieges (Magnes), die der Einzigartigkeit der jüdischen Situation in Europa (Buber), welche ein gewaltloses Vorgehen verunmöglicht? Oder ist es der Anfang vom Ende – weil, wie nicht zuletzt die Rabin Memoirs zeigen, der Jischuw dann doch alles andere als friedlich und gewaltlos vonstattenging? Oder ist es eine Geschichte, die schlicht und ergreifend davon handelt, dass es nunmal keinen jüdischen Gandhi gegeben hat (… leider)? Was auch immer man heute denken mag, von Israel und Palästina, der Möglichkeit einer moralisch legitimen Gewaltanwendung, von Krieg und Frieden – ein Blick auf diese Männer ist jedenfalls lohnenswert. Es ist wohl nicht zu gewagt, anzunehmen, dass sie wohl gerne über anderes nachgedacht hätten; alle haben sie sich dem Projekt des Friedens verschrieben und sind dann doch zu sehr, sehr unterschiedlichen Ergebnissen gelangt, was den Krieg und die Gewalt angeht.

Literatur:

Bartolf, Christian (Hg.): Wir wollen die Gewalt nicht. Die Buber-Gandhi-Kontroverse. Berlin: Gandhi-Informationszentrum 1998.

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Über das Radfahren und das Laufen. Im Gespräch mit Wolfgang Treitler.